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GEISTLICHES WORT für die Gemeinden im Kirchenkreis Steglitz

Superintendent Thomas Seibt schreibt am 23. März 2020

Wenn wir in höchsten Nöten sein

 

 

Liebe Schwestern und Brüder in Lankwitz, in Lichterfelde und in Steglitz:

 

Es ist noch nicht lange her, da wurde die Ordnung der Bibellesungen und Lieder für die Gottesdienste überarbeitet. Für den 2. Sonntag in der Passionszeit war bis dahin „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 366) als Wochenlied vorgesehen. Ehrlich gesagt, ich habe es nur selten einmal singen lassen. Wir waren ja nicht in höchsten Nöten. Allenfalls konnten wir uns solche Nöte als schwere Zeiten einzelner Menschen vorstellen. Und so wurde das im 16. Jahrhundert entstandene Lied bei der Revision der sogenannten Perikopenordnung durch andere Gesänge ersetzt.

 

Jetzt aber sehe ich anders auf den mehr als 450 Jahre alten Choral. Nun fühle ich mich denen verbunden, die ihn einst gedichtet, komponiert und in schweren Zeiten gesungen haben.

 

Von Johann Sebastian Bach gibt es übrigens eine wunderbare vierstimmige Fassung. Hören Sie doch einmal rein. Auf YouTube ist das leicht möglich.

 

1. Wenn wir in höchsten Nöten sein / und wissen nicht, wo aus

noch ein, / und finden weder Hilf noch Rat, / ob wir gleich sorgen früh und spat,

 

2. so ist dies unser Trost allein, / dass wir zusammen insgemein / dich anrufen, o treuer Gott, / um Rettung aus der Angst und Not.

 

5. Drum kommen wir, o Herre Gott, / und klagen dir all unsre

Not, / weil wir jetzt stehn verlassen gar / in großer Trübsal und Gefahr.

 

6. Sieh nicht an unsre Sünde groß, / sprich uns davon aus Gnaden los, / steh uns in unserm Elend bei, / mach uns von allen Plagen frei,

 

7. auf dass von Herzen können wir / nachmals mit Freuden danken

dir, / gehorsam sein nach deinem Wort, / dich allzeit preisen hier und dort.

 

Nicht wahr? Auf einmal kommen sie uns ganz nahe, die Christen, die vor Jahrhunderten „in höchsten Nöten“ waren und nicht wussten „wo aus noch ein“. So ähnlich ist unser Lebensgefühl jetzt auch. Wer hätte das gedacht!

Vielleicht gelingt es nun sogar, dass wir uns im Umgang mit den Nöten dieser Tage einiges von unseren Vorgängerinnen und Vorgängern im Glauben abschauen?

Dazu möchte ich drei Anregungen mit Euch, mit Ihnen teilen:

Erstens:

Den Schrecken, die Angst, die Ungewissheit und die Not der Gegenwart, wir können sie Gott vor die Füße werfen: „Und klagen dir all unsre Not, weil wir jetzt stehn verlassen gar in großer Trübsal und Gefahr.“ Es ist richtig, dass wir unsere Klage zum Himmel schreien lassen. Es ist richtig, dass wir Gott nicht loslassen: „Steh uns in unserm Elend bei, mach uns von allen Plagen frei.“ Die Bibel ist voll solcher Klagen, und viele geistliche Lieder bringen sie zum Ausdruck.

 

Wenn Euch in diesen Tagen Einsamkeit und Angst überfallen, dann versteckt sie nicht. Lasst uns miteinander teilen, was uns bedrückt. Lasst uns Gott klagen, was uns das Herz beschwert.

 

Zweitens:

Wenn wir mit allen Sängerinnen und Sängern unseres alten Liedes Gott ins Gebet nehmen, dann machen wir gemeinsam mit unserem Glauben Ernst. Dann machen wir damit Ernst, dass wir nicht allein und nicht verlassen sind, obwohl die Not wahrlich groß ist und obwohl wir heute kaum wissen, wie es weitergehen kann.

 

Öffnet die Fenster. Hört auf die Glocken unserer Kirchen. Lasst Euch dazu einladen, Bibelworte wie die Herrnhuter Losungen zu lesen und Liedern nachzuspüren, wie unserem alten Choral.

 

Drittens:

Wenn wir uns von unseren Vormüttern und Vorvätern im Glauben mit in die Bewegung des Liedes „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ nehmen lassen, dann werden wir bis zum Hoffnungsausblick der letzten Strophe geführt: Es wird der Tag kommen, an dem wir von Herzen „mit Freuden danken dir, dich allzeit preisen hier und dort.“

 

Lasst also keine Gelegenheit aus, Euch über Hoffnungsausblicke zu freuen: Knospende Zweige zum Beispiel, frühlingshaftes Wetter und freundlich-wohlmeinende Mitmenschen. Noch gehen wir durch die Wochen der Passionszeit, den Osterjubel aber haben wir schon vor Augen.

 

 

 

Ganz gewiss:

Gott sieht unsere Not und hört unsere Klage.

Gott geht mit und schenkt uns seinen tröstenden und belebenden Geist.

Deshalb können wir mit Liebe, Kraft und Geduld tun, was dem Leben dient und Gott die Ehre gibt.

 

Bleiben Sie alle behütet. Gottes Segen sei mit Euch.

 

 

23.3.2020                                                       

 

Thomas Seibt

Superintendent