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RSSPrint

Predigt zum Reformationstag

Pfarrer J. Zabka

Martin-Luther-Kirche Berlin-Lichterfelde Reformationstag 2018


Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Galater 5,1

Paulus schreibt diesen Satz in seinem Brief an die Galater – er fasst gut zusammen, was die Botschaft des Evangeliums für uns bedeutet. Wir leben in dieser Welt, aber wir sind schon hier und jetzt frei. Frei zur Hoffnung, Frei zum liebevollen Handeln.
Die Reformatoren, an die wir heute erinnern, haben diese Botschaft wieder entdeckt, die in ihrer Zeit verdunkelt war.

An diesem 31. Oktober denken wir ganz besonders an Martin Luther – hier steht er als ein junger, kräftiger Mann. Kämpferisch steht er da. An der ursprünglichen Position der Statue hier an der Wand wird er noch eindrücklicher gewirkt haben.
Herbert Volwahsen stellt Martin Luther ganz anders dar, als wir es von vielen anderen Kunstwerken gewöhnt sind.

Herbert Volwahsen: 1906 in Skorischau in Ober-Schlesien geboren, lernte in Warmbrunn im Riesengebirge Holzschnitzer und studierte dann von 1925 bis 1931 in Dresden an der Kunstakademie. Er hatte dort intensiven Kontakt mit dem Ausdruckstanz, unter anderem mit Gret Palucca, die 1925 ihre Tanzschule in Dresden gründete. Seine Formensprache ist vom Tanz beeinflusst – wir sehen die Dynamik an dieser Skulptur: Martin Luther steht nicht still – er ist in Bewegung. Volwahsen war nach seinem Studium freischaffender Künstler – ab 1933 bekam er keine öffentlichen Aufträge mehr – insofern war er dankbar, wenn die Kirchen ihm Aufträge gaben. 1936 und 37 entstanden unsere Kanzel und diese Luther-Statue.
Nach dem Krieg war Volwahsen noch bis 1953 in Dresden, dann ging er in den Westen. Er lebte in Bielefeld, Dortmund und in Murnau. Dort ist er 1988 gestorben.

1936 schnitzte er unsere Kanzel und unseren Bruder Martin. Später hat er noch eine zweite Luther-Statue geschaffen – durch Zufall habe ich vor zwei Tagen von ihr erfahren. Auf dem Dach der Sakristei der Luther-Kirche in Crimmitschau steht diese Bronze-Statue. Sie stand am 13.Februar 1945 noch in der Gießerei in Dresden und ist erst nach dem Krieg unzerstört aus den Ruinen geborgen worden. Erst 1948 kam sie an ihren vorgesehenen Platz.

Der Crimmitschauer Luther: Ich habe noch nicht herausgefunden, wann genau diese Bronze-Skulptur entstanden ist. Volwahsen war von 1939 bis 1943 Soldat – meine Vermutung ist, dass er vielleicht seine Kriegs-Erfahrungen hier mit verarbeitet hat. Er stellt den alten Luther dar. Der hat viel erlebt und durchgemacht. Die Auseinandersetzungen der Reformationszeit, die Theologischen Streitigkeiten und die Kriege. Und das Kunstwerk hat dann auch den mörderischen zweiten Weltkrieg erlebt, der dann mit voller Wucht nach Deutschland zurückkam. Luther hält die Bibel fest. Er hat sie gelesen. Sie ist zugeschlagen - Das Titelblatt zeigt zu uns. Er hat die Bibel gelesen und die Botschaft des Evangeliums verinnerlicht. Sein Blick ist ruhig nach vorne gerichtet, leicht nach oben. Resignation über die Menschheit oder Hoffnung auf Gottes Handeln? Genau kann ich seinen Blick nicht deuten – vielleicht steckt beides darin.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ – dieser Satz steht über unserem Leben - und dennoch lassen sich die Christenmenschen immer wieder gefangen nehmen. Sie kreisen um sich selbst – nicht anders als die anderen. Sie laufen denen hinterher, die ihnen falsche Versprechungen machen. Wir lassen uns immer wieder gefangen nehmen, damals wie heute. Martin Luther, wie Volwahsen ihn darstellt, steht ruhig und gelassen. Er öffnet seinen Blick, richtet seine Hoffnung auf den kommenden Gott. Sein Blick und die Bibel, die er uns zeigt, ermutigen uns. Er wird uns zum Vorbild. Seine Statue steht nicht mehr im geschützten Raum der Kirche, sondern draußen, den Unbilden des Wetters und dem Schmutz der Tauben ausgesetzt. Ungemütlich ist es dort, wo sich der Glaube bewähren muss.
Die Bibel hält er vor sich – wie einen Schutzschild, der Angriffe abwehrt.

Unser Luther ist der junge Mönch, der sich in den Auseinandersetzungen nicht scheut. In seinen 95 Thesen stellt er den Ablasshandel in Frage, der mit der Angst der Menschen Gewinn macht. Gewissenlose Händler schüren die Ängste und verkaufen Ablassbriefe. Martin Luther bekämpft nicht die Angstmacher, sondern sucht nach dem, was Mut und Sicherheit gibt. Das kann für uns in unserer Zeit ein guter Hinweis sein, wo Ängste geschürt werden… Es hilft uns nicht, gegen die Angst und gegen die Angstmacher zu kämpfen, sondern wir müssen nach dem suchen, der uns Sicherheit gibt.
Die Bibel ist aufgeschlagen. Martin Luther beschäftigt sich mit dem Inhalt. Er presst sich die aufgeschlagene Bibel ans Herz. Er nimmt ihren Inhalt auf. Der Glaube ist keine intellektuelle Leistung, es geht nicht um Wahrheiten und Vermutungen, sondern es geht darum, sich innerlich einzulassen. Glauben heißt: Vertrauen, Beziehung zu Gott. Glauben heißt, mit dem Herzen auf Gott zu vertrauen.
Sein Blick richtet sich auf uns. Er predigt zu uns, er gibt weiter, was ihn beschäftigt. Seine rechte Hand ist erhoben. Ich weiß nicht, wie vertraut Herbert Volwahsen mit der Deutschen Gebärdensprache war. Die Gebärde, die Martin Luther zeigt, ist die Gebärde für Gott. Ganz eng ist diese Gebärde mit „wahr“, „echt“ und „ehrlich“ verbunden.
Und noch etwas möchte ich Ihnen zeigen: Die Kleidung. Man ahnt vielleicht schon den Talar des Theologieprofessors – aber er die Tonsur macht deutlich, dass hier noch der Mönch steht. Er trägt die Kutte der Augustiner-Eremiten-Mönche. Da Gewand macht deutlich, dass hier eine offizielle Person mit einer klaren Rolle steht – und kein Privatmann. Aber die Hand, die „Gott“ zeigt, kommt aus dem Gewand hervor. Am rechten Arm sehen wir die Unterwäsche. Der private Mensch wird sichtbar. Glauben heißt: Vertrauen, Beziehung zu Gott – persönliche Beziehung. Wer über seinen Glauben redet, der gibt etwas sehr Persönliches von sich preis. Dadurch wird er für uns zum Zeugen der Botschaft des Evangeliums.

Weil wir von Gott gehalten werden, sind wir frei in dieser Welt.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Gal 5,1
Freiheit – ein entscheidendes Wort, ein entscheidendes Thema, auch und gerade in der Bibel. Man braucht dabei nur an den Exodus, den Auszug des Volkes Israels aus der Knechtschaft in Ägypten zu denken. Ohne Freiheit können wir nicht leben.
Doch sie ist gefährdet, denn wer frei ist, der muss Verantwortung übernehmen für sein Leben, für sein Handeln. Freiheit ist anstrengend. Darum sehnen sich Menschen immer wieder danach, dass jemand anders Verantwortung für sie übernimmt. Dann lebt es sich viel einfacher, denn dann sind „die da oben“ schuld, wenn etwas nicht so ist, wie ich es gerne hätte.
Der Verlust der Freiheit entlastet dann von der Bürde der Eigenverantwortung.
Freiheit bedeutet Verantwortung übernehmen. In diesem Wort steckt „Antwort“ – denn Freiheit ist Beziehung. Unsere eigene Freiheit beruht auf der Bindung an Gott. Sie wird begrenzt durch die Freiheit des anderen.


Als diese Luther-Statue geschnitzt wurde, tobten in der Evangelischen Kirche und in unserer Gemeinde die Auseinandersetzungen. Es ging um die Freiheit des Glaubens und um die Freiheit der Menschen. Aller Menschen, nicht nur einer kleinen Gruppe…
Pfarrer Koch und Pfarrer Hildebrand als Beispiele: Heinrich Koch predigte in SA-Uniform. Er sah in Hitler einen von Gott gesandten Retter und Heilsbringer. Walther Hildebrand dagegen taufte Juden in der Hoffnung, sie so vor Verfolgung schützen zu können. Die Person Martin Luthers war beiden Strömungen wichtig. Die sogenannten Deutschen Christen sahen in ihm den deutschen Helden, der sich gegen die Fremdbestimmung durch Rom durchgesetzt hat. Diesen Helden sehen wir hier – jung und kämpferisch. Die Bekennende Kirche sah in ihm einen, der am Glauben festhielt auch gegen den Druck von außen. Auch das sehen wir hier. Beiden Strömungen war Martin Luther ein Vorbild, darum konnte sich die Gemeinde vor der Einweihung dieser Kirche im Jahr 1936 auch darauf einigen, dieser Kirche den Namen Martin Luthers zu geben.

Wir merken, wie groß die Gefahr ist, dass Freiheit zur Beliebigkeit wird, wenn Beziehung und Verantwortung fehlen. Auch Luther wurde und wird immer wieder für verschiedene Zwecke eingespannt. Im Zentrum seines Lebens stand die Beziehung zu Gott und die Botschaft an uns, das Wort Gottes zur Grundlage unseres Lebens zu machen. Nur so können wir in der Freiheit des Glaubens leben. Auf dem Sockel der Luther-Statue stand „Das Wort sie sollen lassen stahn“ – die letzte Strophe von „Ein feste Burg“. Das schreibt uns die Mahnung ins Gewissen, nicht den falschen Propheten nachzulaufen, die das Heil im Nationalismus sehen, die Ängste schüren und Hass propagieren.

Predigtlied EG 362 Ein feste Burg

Letzte Änderung am: 07.11.2018